Struktur der islamisch-orientalischen Stadt

Orientalische Städte entstanden seit dem dritten Jahrtausend v. Chr. im Hauptverbreitungsgebiet des Islam.
Wichtigste Vorraussetzung dafür war ein ausreichendes Wasservorkommen, weshalb sich frühe islamische Städte oft aus bereits bestehenden Oasensiedlungen entwickelten. Ausgrenzung, Schutz und Sicherung gegen Unwetter und Feinde ließen einen nach außen abgeschotteten und nach innen geöffneten Bautyp entstehen. Rücken an Rücken zusammengewachsen und erweitert durch zusätzliche Geschosse, entwickelte sich dieser zu zusammenhängenden Einheiten, welche das islamisch-orientalische Stadtgefüge prägen. Verschmolzen mit Moscheen und Märkten entstand ein städtischer Baukörper, dessen Restflächen als Verkehrswege dienten.
Maßgeblich für die Art und Nutzung dieses eigenständigen Stadttyps, also städtischer aber auch häuslicher Innenräume, war das alte orientalische Stammes-und Sippendenken der sesshaft gewordenen Nomaden, sowohl als auch die sozialen Verhaltensregeln des Islam, welche die Gesellschaft prägten.
Vor allem die praktische Ethik des Islam brachte ein kulturelles Modell des Verhaltens und Zusammenlebens hervor, das die urbanen Lebens- und Wohnformen stark beeinflusste.

Die typischen Grundelemente einer solchen islamisch-orientalischen Stadt lassen sich anhand der Altstadt Marrakeschs, der Medina, beispielhaft aufzeigen.





































Abb. 1: Idealschema des Funktionsgefüge der islamisch-orientalischen Stadt (Altstadt)
Quelle: eigene Darstellung, nach Heineberg 2014: Seite 311






































Abb. 2: Funktionsgefüge der Medina von Marrakesch
Quelle: eigene Darstellung, Kartengrundlage: Escher/ Petermann 2004: 159


Während wir beliebige Orte in einer Stadt als öffentlich zugänglich befinden, öffentliche Bauten als selbstverständlich, als bürgerliche Teilhabe einer städtischen Gemeinschaft ansehen und auch großzügigen Einblick in unsere Wohngebäude gewähren, setzt die islamisch-orientalische Stadt die Privatheit als Grundprinzip voraus.
Der Aspekt der Zurückgezogenheit, des Abschirmens des privaten Raums, der Intimität des Familienlebens in der häuslichen Umgebung zieht sich durch fast jede städtebauliche Ebene.

Öffentlich zugänglich für alle sind vorrangig ökonomisch und religiös genutzte Standorte: Suks, öffentliche Plätze, Brunnen, Bäder und Durchgangsstraßen.
Diese Öffentlichen Bereiche sind jedoch stark eingeschränkt und dienen auch vorwiegend der Sache selbst. Verkehrswege beispielsweise werden als ökonomische Notwendigkeit angesehen (und nicht, wie bei uns, als gestaltungsbedürfiger, öffentlicher Raum). Überhaupt entsprechen Straßen und Plätze lediglich dem Negativraum, dem also was übrig bleibt, wenn man die Gebäude wegdenkt. Dies beschränkt den öffentlichen Raum, bis auf einige Aufweitungen, auf ein Liniennetz von Mauern und Wänden, die vor allem vor Einblicken in das Private schützen sollen.
Straßen sind hierarchisch gegliedert, die Hauptverkehrslinien/ -achsen verbinden die Stadttore mit dem Zentrum, diese sind öffentlich zugänglich.
Davon gehen kleinere Wege ab in die, gegeneinander stark abgegrenzten, Wohnquartiere, nur zugänglich für die Bewohner des Quartiers.
Und von dort aus wieder kleinere, nicht einsehbare, abgewinkelte Sackgassen zu den Hauseingängen, nur zugänglich von den betreffenden Familien, welche diesen Weg als gemeinsamen Privatbesitz teilen.



Abb. 3: Video: Vom Hauseingang zur Durchgangsstraße
Quelle: eigenes Material



Um keinen direkten Blick in ein Haus zu gewähren, knicken die Straßen zum einen mehrfach ab und auch Eingangstüren in einer Gasse stehen sich nie direkt gegenüber.
Auch im Haus selbst ist der Zugangsweg von der Haustür zum Innenhof ist mindestens einmal abgewinkelt.

  Abb. 4: Grundriss eines Wohnhauses
Quelle: Wirth 2004: 53




 Abb. 5: Grundriss unseres Wohnhauses
Quelle: eigene Darstellung


Das Haus wird als autonome Einheit gesehen. Es ist die private Zone der Familie, der Frau. Der Grundriss ist stark verflochten mit den Verhaltensregeln des Islam.
Nach diesem wird die menschliche Existenz lediglich als Übergangszeit betrachtet, hin zum jenseitigen Paradies. Man will sich also nicht "fest" niederlassen.
Dies, wie auch das ursprüngliche Nomadentum, hat Auswirkungen auf das Leben und Wohnen im Haus.
Räume und Funktionen werden nicht festgelegt, sie sind flexibel nutzbar, können tageszeitabhängig als Aufenthalts- oder Gebetsraum, Schlaf-, Ess- oder Arbeitszimmer genutzt werden. An der Schwelle werden Schuhe ausgezogen, bevor man sich in den mit Teppichen ausgelegten, reinen Raum begibt. Die Lebensweise (sitzen, essen, schlafen) ist am Boden orientiert. Die einzelnen Räume sind jeweils so gestaltet, das eine freie Mittelfläche entsteht, welche durch Ornamente und Verzierungen an Wand und Decke nochmals hervorgehoben wird. Fast umlaufend an den Wänden befinden sich Polster als Sitz-/ Liegegelegenheiten. Feste (materielle) Einrichtung gibt es kaum. Durch Fenster, deren Simse auch als Sitzgelegenheit dienen, kann man in den Innhof blicken, um welchen sich alle Räume gruppieren und sich dahin öffnen. Nach außen wird kein Einblick gestattet, es gibt also kaum Fenster.
Die Grundrisse des Erdgeschoss und der Obergeschosse sind nahezu gleich. So kann beispielsweise im Winter das wärmere OG bewohnt werden, im Sommer das kühle EG.

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