Mittwoch, 21. Januar 2015

Wandel durch Tourismus



Warum reisen Menschen in andere Länder? Um das Außergewöhnliche zu sehen, etwas Neues, nicht alltägliches. Ein anderes Land.
Der Tourismus beeinflusst allerdings aktiv das Erscheinungsbild einer Region. Welche offensichtlichen Auswirkungen hat der Tourismus auf Siedlungsstrukturen und das äußerliche Bild eines Landes? Dies kann beispielhaft in Südmarokko beobachtet werden.

Touristische Dorfkomplexe

Eine Erscheinung sind die Feriendörfer, die sich im Moment, und in den letzten Jahren vor allem entlang der Küste etabliert haben. Zurückgezogen von der realen Welt finden sich hier Villen, Apartments und Hotelkomplexe, meist hinter hohen Mauern, im Stil von „Gated communities“. Innerhalb sind keine traditionellen Strukturen und Gewohnheiten mehr erkennbar. Sogar die Landschaft wird ausgesperrt und verändert. Das Klientel für diese Art von Feriendörfern sind oft pauschalreisende Europäer, aber auch gut verdienende Marokkaner die sich hier, außerhalb der großen Städte ihren Zweitwohnsitz errichten. Sie suchen nicht das Ursprüngliche sondern den Luxus, die Annehmlichkeiten und die Sicherheit dieser Komplexe.
In Ägypten haben diese Ferienkomplexe bereits enorme Ausmaße angenommen. Ganze Küstenbereiche westlich von Alexandria sind nicht mehr öffentlich zugänglich, die Landschaft ist verbaut und die Attraktivität dieses Küstenbereichs vermindert. Diese Entwicklung wurde in den 80-er Jahren gezielt vom Staat, durch die Errichtung der entsprechenden Infrastruktur und den Bau der ersten drei Feriensiedlungen inszeniert.
Im Plan Azur, der von König Mohammed VI, im Hinblick auf eine positive Tourismusentwicklung erstellt wurde, sind auch fünf solcher Komplexe entlang der Küste Marokkos vorgesehen.







Abb.1: Club Evasion 
Quelle: Eigene Darstellung; Luftbild Bing


Veränderte Dorfstrukturen

Viele dieser privaten Ferien- und Alterswohnsitze finden sich auch außerhalb der geschlossenen Komplexe, innerhalb traditioneller marokkanischer Dörfer. Hier werden Gewohnheiten, das dortige Leben und die Landschaft zwar nicht ausgeschlossen, dafür wirkt sich die bauliche Ausbildung dieser auf die ursprünglichen Strukturen der Dörfer aus. Meist in europäischem Stil errichtete, hohe Gebäude oder Anbauten aus Beton, die sich nicht an Farbgebung, Baustoff oder Fassadengestaltung der übrigen Häuser halten, prägen heutzutage zahlreiche Ortsbilder marokkanischer Kleinstädte und Dörfer. Jedoch nicht nur die Gestaltung, auch die Nutzung dieser, die meist nur in den Sommermonaten und Ferienzeiten stattfindet beeinflusst den Alltag der Bewohner. Verlassene Straßen, dunkle, teilweise vernachlässigte Häuser und der unkontrollierbare Wachstum der Städte im Sommer sind Folgen dieser Entwicklung.





Abb.2: An- und Umbauten aus Beton 
Quelle: Eigene Darstellung


Regionale Strukturen

Allgemein hat der Tourismus in Marokko jedoch viele Standbeine. Nicht nur der Badetourismus dieser Feriendörfer auch der Rundreisetourismus spielt eine wichtige Rolle. Dies wirkt sich sehr positiv aus, sowohl Infrastruktur als auch kulturelles Erbe des Landes werden so besser erhalten und viele unterschiedlichen Regionen des Landes mit einbezogen.
Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Straße der Kasbahs, die sich zwischen Marrakesch und den südlichen Wüstenregionen erstreckt.

Aufgrund ihrer Lehmbauarchitektur ist die Region seit Jahrzehnten beliebtes Besichtigungsziel vieler Touristen. Zu bestaunen gibt es den unverkennbaren Baustil der dortigen Kasbahs und Ksour, der Festungen und Wehrdörfer ehemaliger Halbnomaden, die in ihrer Lehmbauweise die Besonderheit und Attraktivität der Gegend ausmachen. Als authentisch marokkanisch und beeindruckend in der Ausführung werden die Siedlungen mit ihren Burgen beschrieben. Einzigartig.

Seit Jahren jedoch findet im Land ein tiefgreifender Umbruch im Siedlungsbau statt. Lehm, als lokal verfügbarer Baustoff, der in der dortigen Vorwüstenzone ein angenehmes Wohnklima erzeugt, wird verdrängt von europäischer Betonbauweise, welche unter den Bewohnern als zeitgemäßer gilt. Denn ohne stete Pflege der Lehmbauten verfallen diese. Zu aufwändig für viele, verlassen sie ihre Häuser einfach oder ersetzen sie durch Neubauten.
So verschwinden Großteile der für die "Straße der Kasbahs" typischen Gebäude und Siedlungen im wörtlichen Sinn. Eine unaufhaltsame Entwicklung.
Da das, für touristische Zwecke vermarktete, Produkt der dortigen Burgen und Siedlungsstrukturen so aber gleichwohl verfallen würde, und damit die Einkünfte der Region durch den Tourismus, wird das Image auf eine artifizielle Weise erhalten. Bewohner und Investoren versuchen viele ihrer Neubauten und Hotelanlagen, ohne Lehm, jedoch im Stil der ehemaligen Kasbahs zu gestalten.
Wenn man heute durch das Tal fährt, nimmt man nicht mehr die Burgen mit ihren dazugehörigen Siedlungen war, vielmehr das, was davon übrig ist, eine Landschaft aus Ruinen und Neubauten.
Ein natürlicher Prozess. Mehr als die Hälfte der Lehmsiedlungen sind nicht mehr bewohnt. Trotzdem werden traditionelle Lebensweisen, die eigentlich schon gar nicht mehr vorhanden sind, präsentiert und vermarktet. Gestützt auf die Überbleibsel der Vergangenheit. Es wird eine Lebensweise vorgetäuscht, die eigentlich längst überholt ist.
In Hotels findet man Tapeten, die Lehm und Stroh imitieren, aufgeklebt auf die Wand. Tradition wird vorgeführt, in dem man über ein matschiges Feld geführt wird, in ein übriggebliebenes Lehmwohnhaus, in dem veranschaulicht wird, wie Teppiche gewoben und Tee getrunken wird.
Ein Schein. Doch angenommen von Touristen, und somit beständig.


Der Tourismus prägt auf jeden Fall das Bild eines Landes. Er verändert Landschaften, Städte und Dörfer. Ein Phänomen, in vielen Regionen, in vielen Ländern, zu beobachten. Allerdings sorgt er für die Entwicklung an sich, es kann nichts konserviert werden, alles ist in einem ständigen Wandel, der akzeptiert und auf diesen eingegangen werden sollte.

Abb.3: Neue Bausweise, neue Siedlungsstruktur
Quelle: Eigene Darstellung


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